Der psychische Aspekt

Da Freunde, Familienangehörige, Arbeitskollegen etc. in der Regel wenig Kenntnisse über das Thema MCS haben und sie die geschilderten Beschwerden der Betroffenen nicht nachvollziehen können, leiden die MCS-Patienten oft darunter, als Hypochonder oder „Psychos“ abgestempelt zu werden. Dazu kommt die mangelnde Leistungsfähigkeit, die es den Erkrankten nicht ermöglicht, frei an den gesellschaftlichen Aktivitäten teilzunehmen. Das kann schnell zur sozialen Isolierung führen. MCS-Patienten trauen sich dann nicht mehr, Ihre Beschwerden zu äußern. Jeder muss seinen Umgang mit der Erkrankung finden. Selbst neige ich zum offensiven Umgang. Ich bin nicht betroffen, würde es aber so meinen Mitmenschen erklären:

„Hätte ich nur ein Bein, so müsste ich niemanden erklären, dass ich nicht so schnell laufen und Treppensteigen kann. Wenn mir jedoch das entscheidende Gen zur Entgiftung fehlt, dann kann das daraus resultierende Beschwerdebild fast niemand nachvollziehen, weil kaum jemand es kennt. Stellt euch vor, Ihr trinkt eine Flasche Whisky in einem Zug und schnüffelt anschließend noch 10 Min. Benzin oder Nitro. Dann habt Ihr eine Vorstellung, wie es mir schon nach geringen Belastungen in Möbelhäusern, Neuwagen oder frisch gestrichenen Räumen geht. Wer dann sagt, „stell Dich nicht so an“ oder „da muss man durch“, der versteht es nicht, weil er Fakten ignoriert. Bei einem offensichtlich amputierten Bein würde er es nicht tun. Hier würde ihn die Gesellschaft für minderbemittelt halten, wenn er einen Einbeinigen als nicht behindert einschätzt. Es kommt also nur auf den Kenntnisstand an. Es gab auch eine Zeit, da hielten die Menschen die Erde für eine Scheibe. Sie konnten sich aber weiterbilden und wer heute noch die Erde für eine Scheibe hält, gilt als dumm. Ich kann die fehlenden Gene nicht ersetzen, aber ich kann versuchen den Blickwinkel meiner Mitmenschen auf das Krankheitsbild zu verbessern.“

Wer es dann nicht begreift, sollte versuchen, amerikanischer Präsident zu werden. Da hat er durchaus Chancen, seit Trump die alternativen Fakten salonfähig gemacht hat.

Es ist durchaus sinnvoll, Kontakt mit einer Selbsthilfegruppe aufzunehmen, da Betroffene Verständnis erfahren und bemerken, dass sie kein Einzelfall sind. Hier gibt es auch nützliche Tipps. Psychotherapie kann helfen beim Erlernen von Bewältigungsstrategien. Gehen Sie aber sicher, dass der Psychotherapeut mit dem Krankheitsbild vertraut ist. Denn hier liegt ein nicht unerhebliches Risiko. Ein Psychiater, der MCS nicht kennt, läuft Gefahr, die Fehldiagnosen „larvierte Depression“ oder „chronisches Erschöpfungssyndrom“ zu stellen. Larvierte Depression bezeichnet eine Depression, der sich der Betroffene nicht bewusst ist und deshalb körperliche Beschwerden, die er nur auf Grund der Depression wahrnimmt, äußert. Sie wird auch „somatisierte oder maskierte Depression“ bezeichnet. Eine „gefährliche Diagnose“, bei der ich mich frage, wie oft sie zu unrecht gestellt wird, weil der Psychiater nicht fähig ist, die wirklichen Ursachen mancher Krankheiten zu erkennen. Wenn im Rahmen einer solchen Fehldiagnose dann noch den MCS-Patienten ein Antidepressivum verordnet wird, wird der Schaden noch größer. Gerade die nebenwirkungsreichen Psychopharmaka vertragen MCS-Patienten nicht.

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Dr. med. Thorsten Muthorst